Es ist mal wieder Demo-Tag in Kiel. Diesmal die Studenten. Eine Gruppe unserer Gesellschaft, der ich auch angehöre. Trotzdem sitze ich jetzt vor’m Fernseher und gucke mir das WM-Spiel Spanien gegen Schweiz an anstatt mit zu marschieren.
Aber eins nach dem anderen: worum geht es eigentlich? Das Land Schleswig-Holstein ist Pleite und muss sparen. Teil des geplanten Sparpakets ist auch die Streichung von Studiengängen in Lübeck (Medizin) und den “Wirtschaftswissenschaften” (Flensburg). Diese Studiengänge sollen dann nur noch in Kiel angeboten werden.
Die Uni in Kiel ist allerdings sowieso schon komplett überlaufen. Auch wenn das keiner der Studenten hören will: das liegt ganz klar daran, dass wir in in Schleswig-Holstein keine Studiengebühren eingeführt haben. Jetzt rennen sie uns hier die Bude ein, die Studenten aus den anderen Bundesländern, obwohl der Studienstandort Schleswig-Holsten, diplomatisch ausgedrückt, nicht nur Bestnoten in den diversen Uni-Rankings erhält.
Nun war ich nie ein Gegner der Studiengebühren – solange die Gelder transparent ausgegeben werden und die Studentenschaft ein gewisses Mitspracherecht bei der Verwendung dieser Gelder hat. Aber das ist noch mal ein ganz anderes Thema.
Jedenfalls dürfen sich die, die wochen-, monate- und jahrelang gegen Studiengebühren auf die Barrikaden gegangen sind meiner Ansicht nicht beschweren, dass sie jetzt früher aufstehen müssen, um noch einen Platz in den überfüllten Hörsälen zu ergattern.
Vieles an der Uni in Kiel läuft momentan katastrophal und an den Standorten Lübeck und Flensburg wird das vermutlich nicht viel anders sein. Helfen würde sicherlich mehr statt weniger Geld.
Und es gibt auch wahrlich genug gute Gründe, warum ich eigentlich jetzt auf der Straße sein sollte. Eines stört mich bei diesem Demonstrationszug jedoch:
In über einer Woche habe ich sowohl auf Seiten der “Veranstalter”, noch auf Seiten derer, die bekundet hatten, mitmarschieren zu wollen niemanden gefunden, der mehr als Gemecker zu bieten hatte. Ich kann jeden verstehen, der da heute mitläuft. Ich persönlich käme mir aber dämlich dabei vor, mit einem großen “Dagegen!”-Schild durch die Stadt zu laufen.
“Liefert mir konstruktive Gegenvorschläge zum aktuellen Sparmodell und ich laufe mit”, habe ich mehrfach angekündigt. Selten kam irgendetwas zurück. Und wenn, dann meist Vorschläge, die sich mit “bei anderen sparen” zusammenfassen lassen. Und das ist keine Lösung. Dann gehen nämlich heute die Studenten, morgen die Eltern, übermorgen die Rentner, am Tag darauf die Soldaten und dann die Landesangestellten auf die Straße. “Bei anderen sparen” löst keine Probleme, es verlagert sie nur.
Ich bin ein großer Freund radikaler Vorschläge wenn es um Politik geht. Weiß allerdings auch, dass die lediglich provozieren und nicht zu gebrauchen sind. Echte, also realisierbare, mehrheitsfähige, Vorschläge kann ich auch nicht anbieten. Also marschiere ich heute nicht mit.
Ich habe schon verschiedentlich gehört, dass das doch egal sei. Es ginge jetzt erst mal darum zu zeigen, dass man da sei und bereit wäre, für seine Meinung einzustehen.
Kann ich verstehen. Klar.
Aber “Dagegen!” und “Ihr seid doof!” ist mir einfach zu wenig. Muss man dann auch verstehen.
Trotzdem: Respekt. Ihr seid verdammt viele da draußen, auf den Straßen! Hätte ich nicht gedacht. Ihr seid auf jeden Fall mehr als die, die gegen Studiengebühren demonstriert haben. Vielleicht eröffnen sich da ganz neue Chancen für die Politik: Studentendemokratie. Es sind mehr Studenten gegen die Kürzungen des Sparpakets als gegen die EInführung der Studiengebühren. Da kann man ja einen Deal machen: die Standorte bleiben unverändert erhalten, dafür zahlen die Studenten zukünftig mit.
Auf meinem Weg von der Uni zur Arbeit und von der Arbeit nach Hause komme ich jeweils am Kieler Hauptbahnhof vorbei. Bereits heute Vormittag hatten sich dort die ersten Lübecker versammelt. Mit einigen von denen kam ich dann auch ins Gespräch. Schnell wurde klar: die sind auch nicht schlauer als ich.
Niemand hatte brauchbare Vorschläge. “Stellt euch vor ich wäre Peter Harry Carstensen. Ich sage euch jetzt: macht mir einen guten Vorschlag, wie wir die Schulden abbauen können ohne euch oder irgendeine andere Gruppierung zu belasten. Wenn ihr mir was nennen könnt, mache ich das sofort. Sonst ist doch wohl der Rasenmäher das gerechteste Mittel, oder?”
Schweigen und leere Blicke waren meist die Antwort. Oder sowas wie “Beim Militär sparen!”. Ja ja, guckt euch mal an, wie viel Schleswig-Holstein pro Jahr überhaupt für’s Militär bezahlt und sagt mir dann noch mal, ob sich das lohnt!
Auf dem Rückweg ein zweiter Versuch. Immerhin waren jetzt schon viel mehr Leute da. Und wenn mir nur einer nur einen guten Vorschlag unterbreitet hätte: ich wäre mitgelaufen. Und jetzt sitze ich hier. An meinem MacBook. Vor meinem Fernseher.
“Aber das Land ist doch nunmal pleite – und irgendwo muss Geld herkommen; oder eben eingespart werden!” – Drei vollkommen besoffene Studenten mit “Ich kämpfe für die Uni Lübeck”-T-Shirts pöbelten mir entgegen “Deine Mudder muss sparen!”. Ah ja.
Ein paar Meter weiter urinierte die Bildungselite dann an Häuserwände.

Pingback: Kiel - Blog - 16 Jun 2010